„Museen als Foren zur Vermittlung fremder Kulturen”

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Arbeitstagung des Museumsverbandes Baden-Württemberg
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, Gartensaal

Angenommen, ein Museum in Marrakesch, Nairobi, Calcutta oder Osaka erhielte eine Sammlung von, sagen wir einmal, 10.000 Objekten in der Art eines baden-württembergischen größeren Heimat- oder eines Stadtmuseums geschenkt und erhielte den Auftrag, daraus eine Ausstellung „Deutsche Kulturgeschichte“ zu machen: wie würde man dort die Objekte und ihre Zusammen- hänge analysieren, interpretieren und welche Konzeption würde daraus entstehen? Würde sich das Resultat mit unserem Umgang mit den Zeugnissen fremder Kulturen gleichen oder sich unter- scheiden?

Ein Großteil der japanischen Reisegruppen auf „Europatour“ wird in Heidelberg in ein – japanisch geführtes – Souvenirgeschäft geführt, wo man – schon im voraus für die nächsten Tagesziele – Rothenburger Christbaumschmuck, Münchner Hofbräuhaus- humpen, Schwarzwälder Kuckucksuhren und Schweizer Alpenkuhglocken erwerben kann. Die Leute nehmen die Sachen aber nicht mit, sie werden auch nicht nachgeschickt (was einem Europäer beim Einkauf im Souk im tiefsten Nordafrika angeboten zu werden pflegt), sondern sie werden ihnen in Japan von japani-schen Konzernen ausgeliefert, da diese Dinge sowieso alle in Asien produziert werden. - Ein Deutschland-Themenpark in Japan heißt: „Glückskönigreich“ (Volker Harms).

Vor einigen Jahren erschien in einer deutschen Illustrierten eine Karikatur. Sie zeigte ein elegantes afrikanisches Touristen-Ehepaar mit teurer Garderobe und Schmuck beim Anblick eines überfüllten FKK-Strandes auf Sylt. Sie zu ihm: „Liebling, das müsstest du unbedingt fotografieren: Die Eingeborenen bei ihren ursprünglichen Sitten und Gebräuchen!“

Bei der Beratung, die das Badische Landesmuseum derzeit für eine Anzahl Museen in Tunesien leistet, haben wir im Falle des Bardo-Museums in Tunis, das über große Sammlungen der (berberischen) Frühgeschichte, Karthagos, und vor allem die weltbedeutendste Sammlung römischer und frühchristlicher Mosaiken verfügt, zu hören bekommen: „Da gehen sowieso keine Einheimischen hin, denn das ist für sie nicht ihre „eigene“ Kultur!“ (Die islamische Abteilung ist übrigens seit Jahren geschlossen.)

In den arabischen Ländern kursiert immer noch das weitver- breitete Klischee des Mitteleuropäers als tumber, tapsiger Kreuzritter, dem allerlei Missgeschicke widerfahren, unter der glühenden Sonne in seiner schweren Rüstung röstet, beim Angriff auf eine Stadt todbringend in eine Jauchegrube fällt, wie Kaiser Friedrich Barbarossa beim Baden ersäuft oder geschlagen wieder zurücktrollt. (Heute würden wohl viele darin gerne einen Amerikaner sehen.)

Ein Team italienischer und deutscher Denkmalpfleger versucht augenblicklich, bei den von den Taliban im März 2001 in Bamian/Afghanistan zerstörten Buddha-Großstatuen die wenigen verbliebenen Fragmente zu retten und zu erhalten. Da man dort unseren abendländischen Begriff von „Historizität“ nicht kennt (der auch ein Fragment wertvoll macht), wünscht sich die ortsansässige Bevölkerung dage-gen eine vollständige Wiederherstellung der ursprünglichen Figuren, sogar die Be-seitigung der Schäden, die schon von islamischen Eroberern im 11. Jahrhundert an Gesichtern und Armen zugefügt (und übrigens später von Goethe im „west-östlichen Diwan“ gerechtfertigt!) wurden. Für die europäische Vorgehensweise hat sie wenig Verständnis und vermag sie nicht nachzuvollziehen.

Fünf Beispiele für den Blick außereuropäischer Kulturen auf eine fremde, nämlich die europäische bzw. deutsche. Ob es Museen außerhalb Europas gibt, die sich „mit ethnografischem Blick“ mit Europa befassen (oder wenn nein, warum nicht), ist eine spannende Frage, der einige ReferentInnen bei dieser Tagung nachgehen werden. Sie sollen den Blick schärfen für die Problemstellung, wie wir in unseren Museen fremde Kulturen vermitteln und welche Aufgaben (Chancen und Risiken) Museen dabei haben. Diese Aufgaben haben sich gewiss – im Zuge der Globalisierung und der interkulturellen Dialoge und Auseinandersetzungen geändert, beschleunigt und sind, z.B. bei den islamischen Kulturen, dramatisch aktueller als je zuvor. Angesprochen sind dabei nicht nur die – gut postkolonial so genannten – „Völkerkundemuseen“, sondern alle Museen, die über außerregionale Bestände verfügen, meist durch Schenkungen, Nachlässe u.ä., oft, weil nicht zum „Darstellungs- auftrag“ gehörend, schon Jahrzehnte in den Depots schlummern, oder z.B. auch Ausstellungen aus Partnerstädten zu präsentieren haben. (Auch das Badische Landesmuseum besitzt etliche hundert – oft hochrangige – Objekte aus Japan, China, dem Vorderen Orient und dem maurischen Andalusien, die, abgesehen von der weltberühmten „Türkenbeute“, nach 1918 nie ausgestellt wurden). Das heißt: Museen, die sich, im Sinne Peter Sloterdijks, der „Fremdheitsvermittlung“ anstelle der „Identitätsstiftung“ widmen wollen.

Dokumentieren sie fremde Kulturen offen und prozessual oder statisch-„primitiv“, damit quasi immer noch „kolonial“, oder als aktiver Part eines interkulturellen Dialoges „auf gleicher Augenhöhe“ und auf eine Weise, die zum Verständnis und zu Respekt vor deren Geschichte und Gegenwart beiträgt? Wenn irgendwo in Deutschland Ausstellungen zur jüdischen Kultur veranstaltet werden, wird in der Regel ein Vertreter der jüdischen Gemeinde in die Konzeption mit einbezogen. Wie weit geschieht dies mit „Betroffenen“ auch bei anderen „fremden Kulturen“ und sollte dies prinzipiell wünschenswert sein? Sind Museen bzw. ihre MacherInnen „gut-menschig“ naiv, wenn sie immerzu „Verstehen“ und „Verständigung“ propagieren, anstatt knallhart auch Konflikte zu thematisieren? Sollen gefälligst „die anderen“ (z.B. Tunesier) die „Global-Toleranz“ lernen oder existiert bei uns in der „Neugier auf fremde Kulturen“ immer noch ein (post-)kolonialer Blick, den wir uns bitte abgewöhnen sollten? Welche Rolle spielen Migrationen in diesem Prozess? Und die „Angst vor dem Fremden“?


Prof. Dr. Harald Siebenmorgen
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